Lappland: Wo Kälte brennt und Freundschaft wärmt
- Levi Michi
- 20. Jan.
- 17 Min. Lesezeit
Bilder von glitzernden Polarlichtern, Huskys, Rentieren und endlosen Schneelandschaften – dank solchen Instagram Posts stand plötzlich Lappland ganz oben auf unserer Reisewunschliste.
Das alles klingt doch nach Magie, oder?!
Was wir nicht eingeplant hatten? Einen Koffer mit Eigenleben, Temperaturen bei denen selbst die Nasenhaare gefrieren und Momente, in denen man sich ernsthaft fragt, warum man freiwillig irgendwohin reist, wo -27 Grad als „eh ganz okay“ gelten.
Zwei Freundinnen, viel Vorfreude, wenig Plan – und genau daraus entstand ein Abenteuer, das uns alles abverlangte: Geduld, Humor, warme Handschuhe und die Fähigkeit, auch im absoluten Chaos noch zu lachen. Zwischen Eiswürfeln im Getränk bei Minusgraden, Silvester am Fluss, arktischen Tieren und Polarlichtern haben wir gelernt, das Reisen fordert – aber sie schenkt auch unglaublich viel zurück
Lappland war kalt, wild, wunderschön – und definitiv nichts für schwache Nerven.
der Start unseres Abenteuers
Der Trip begann schon am Flughafen in Klagenfurt, noch bevor ich überhaupt dazu gestoßen war. Meine Freundin stand tapfer am Check-in, unseren großen Koffer aufgebend, während ich noch letzte Bürotätigkeiten in der Firma erledigte und mit etwas Verspätung nachkam. Kaum hatten wir uns wiedergefunden, stieg die Vorfreude: Endlich weg, endlich Lappland!
Unser Flug nach Wien hob pünktlich ab – was allein schon Grund zur Freude war. Draußen tobte ein ordentlicher Wind, und drinnen wurden wir bei der kurzen, aber wackeligen 40-minütigen Flugreise ordentlich durchgeschüttelt. So kurz der Flug auch war, selbst die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun, um jedem Passagier ein Glas Wasser und eine
Mozartkugel zu servieren – der stressigste Mini-Flug, den ich je erlebt habe.
Koffer-Krise in Wien – und die Kunst, ohne Gepäck zu überleben
Gut gelandet in Wien stapften wir erwartungsvoll zum Gepäckausgabeband – voller Vorfreude auf unseren Koffer. Doch als wir dort standen, passierte: nichts.
Kein Koffer, kein Signal, nur ein endlos drehendes Band.
Dann kam die entscheidende Frage in meinem Kopf an meine Freundin: „Wie hast du den Koffer abgegeben?“ Meine Freundin blickte mich erst nur etwas verständnislos an.
„Hast du ihn bis Wien oder bis Rovaniemi abgegeben?“ – „Ähm… ich hab den Koffer abgegeben. Die Person hat mich nicht gefragt.“
Okay, kleine Panik.
Also gut, wir würden heute Nacht in Wien schlafen und morgen weiter nach Lappland fliegen. Der Koffer bleibt doch nicht einfach 18 Stunden am Flughafen, oder?
Zu viele Fragen, zu wenig Antworten. Also marschierten wir zum Austrian-Schalter und bekamen endlich Klarheit: „Der Koffer bleibt am Flughafen. Wenn wir ihn herausholen wollen, dauert das bis zu vier Stunden.“ Vier Stunden würde bedeuten Mitternacht.
Ohne Koffer standen wir nun da, leicht verzweifelt. Die Mitarbeiterin merkte wohl unsere Verzweiflung und hatte ein Ass im Ärmel: ein kleines Übernachtungspaket. Wir nahmen es dankbar an und stapften mit gemischten Gefühlen zum Hotel.
Beim Aufmachen des Goodie Bags waren wir positiv überrascht: viele Toiletartikel, ein Pyjama und sogar ein Kamm – praktisch, nützlich… und irgendwie auch ein kleines Trostpflaster für unser Koffer-Drama.
Trotzdem blieb die nagende Frage: Kommt unser Koffer morgen wirklich mit nach Rovaniemi? Denn ohne ihn würden wir wohl die nächsten Tage eher als Eisblöcke leben und nichts von unserem Abenteuer erleben können.
Mit mulmigem Gefühl Richtung Lappland – Rudolf ist auch an Bord
Am nächsten Tag standen wir am Flughafen Wien, ein mulmiges Gefühl im Gepäck – im wahrsten Sinne des Wortes. Ob unser Koffer nun mitkommt oder nicht? Keine Ahnung. Ich ärgerte mich ein bisschen über mich selbst: Warum hatte ich nicht einen Airtag in den Koffer gepackt? Meine Freundin entschuldigte sich ununterbrochen für das Koffer-Chaos von gestern, aber am Ende konnten wir nichts mehr ändern. Streiten? Sinnlos.
Wir hatten Glück und saßen weit vorne im Flieger – Beinfreiheit deluxe! Und während wir uns in unseren Sitzen warm einpackten, fielen mir zwei Mädls mit knallrote Nasen auf. „Schau mal“, sagte ich grinsend, „zwei Rudolfs fliegen zum Rudolph!“
Wir lachten, die Aufregung stieg, und plötzlich fühlte sich der Trip schon viel realer an. Endlich unterwegs – Lappland, wir kommen! 😊
-22 Grad und das epische Gepäckband-Drama
Lappland begrüßte uns mit -22 Grad – ein kalter Schlag ins Gesicht, der selbst unsere größten Wintererfahrungen blass aussehen ließ. Im Flugzeug hatten wir noch einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen, der die Seele erwärmte, doch draußen, im dunklen Lappland, fühlte sich alles sofort anders an.

Der erste Kontakt mit der Kälte? Gar nicht so schlimm… bis nach nicht einmal zwei Minuten die Nasenhärchen eingefroren waren und unsere Kleidung die Minusgrade wie einen Schwamm aufsog. Schnell rein in den Terminal, direkt zur Gepäckausgabe – endlich und hoffentlich unseren heißersehnten Koffer sehen!
Die ersten Koffer trudelten nach gefühlten Ewigkeiten ein, doch dann stoppte das Band – und unser Koffer war nirgends zu sehen. Verzweifelt tauschten wir Blicke aus, merkten aber, dass wir nicht allein im Koffer-Drama waren.
Geduldig warten hieß es.
Nach einer Stunde – immer noch kein Koffer in Sicht – fragte ich schließlich einen Flughafenmitarbeiter nach dem Stand der Dinge. Antwort: „Das Band ist kaputt. Es kann sein, dass Koffer aus einem anderen Band kommen.“
Ein Schlag ins Gesicht? Nein, eher ein Schlag in die Geduld.
Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit von anderthalb Stunden, erblickten wir ihn endlich: unseren Koffer. Ein Freudenschrei, eine kleine Umarmung, ein Kreuzzeichen meiner Freundin 😉 – endlich konnten wir Richtung Unterkunft starten, endlich kann unsere Reise anfangen. Mit Koffer in der Hand fühlten wir uns wie Sieger einer epischen Mission. Juhu!
Wenn Kälte und Chaos aufeinanderprallen
Nach dem epischen Gepäckband-Abenteuer versuchten wir uns nun an die nächste Herausforderung: ein Uber zu bekommen. Ich kriegte prompt den ersten Fahrer zugeteilt und verfolgte ihn in der App – nur noch 500 Meter entfernt. „Super!“, dachte ich, und wir stapften in die Eiseskälte hinaus. Zwei Minuten später: Storniert. Einfach so. Unsere Fahrt – weg wie Schnee im Wind. Also zurück ins Terminal, die Füße fast eingefroren, das Herz leicht verzweifelt.
Neuer Versuch – diesmal dauerte es gefühlt eine Ewigkeit, bis endlich ein Fahrer zugeteilt wurde. Über 20 Minuten später tauchte er auf, nur um das nächste Wunder zu erleben: Das Fenster war in seinem Auto war halb geöffnet. Bei -25 Grad. Ich konnte es kaum glauben, war komplett verwirrt und hatte das Gefühl in einer anderen Welt angekommen zu sein.

Endlich bei der Unterkunft erwartete mich meine letzte Lektion des Tages: Die Haustür.
Ich griff nach dem Schlüssel, griff auf die Türschnalle – und blieb quasi daran kleben. Die Hand blieb in Sekundenschnelle in dieser Kälte daran picken und ich musst mich quasi wegreißen, es schmerzt so bitterlich, dass es mir die ein oder andere Träne kostet. Aber naja, eine Lektion gelernt: Nie und niemals, auf keinen Fall Türen ohne Handschuhe anfassen!
Aber dann: Wow. Drinnen war es warm, gemütlich und stylish. Die Wohnung war neu, großartig aufgeteilt – und ja, sogar eine Sauna gab es. Nach all den frierenden, verzweifelten Momenten draußen fühlten wir uns wie Helden, die endlich im Basislager angekommen sind. 😉
Lappland-Lifehack: Immer Tee statt Saft bestellen
Wir genossen nur kurz das warme Glück unserer Wohnung, bevor wir uns in unser erstes Abenteuer stürzten: den Supermarkt.
Ziel: Einkaufen für die nächsten Tage, Kochen, Jausnen und irgendwie das Überleben in Lappland sichern. Hungrig wie zwei kleine Eisbären stolperten wir durch die Gänge, kämpften uns durch fremde Lebensmittel, rätselten über finnische Verpackungen und stapelten alles in unser Einkaufsackerl.

Gut eingepackt in unsere warme Wäsche düsten wir danach mit dem Bus in die Innenstadt – das Gefühl, wie zwei kleine, eingemummelte Mumien durch die Straßen zu schlendern, war unbezahlbar. Kurz die Innenstadt erkundet, aber brrr… viel zu kalt! Also ab ins Restaurant, wo wir einen Tisch reserviert hatten. Freude kurzzeitig – bis wir merkten, dass unser Platz nahe an der Eingangstüre lag. Immer wieder kroch ein eiskalter Schauer vorbei und brachte uns zum Zittern.

Dann das Highlight des Abends: Hollunder-Zitronen-Saft auf der Speisekarte. Wir stellten uns den Saft gut vor, fein schmeckend wie zuhause… doch was kam? Ein Glas halb voller Eiswürfel. Ähm hallo?… draußen hat es -25 Grad?
Hätte uns jemand einen warmen Hollundertee serviert, wir hätten getanzt. So blieb uns nur das Lachen über diese kleine Ironie des Lebens: Ab nun einfach immer einen Tee bestellen und herzlich Willkommen in Lappland!

So hungrig wie wir nach unserem Supermarkt-Marathon waren, zog sich das Warten auf das Essen gefühlt ewig hin. Als es dann endlich kam, saßen wir still da, gaben uns jeder Gabel hin und genossen einfach – das pure Glück in der Kälte war jetzt eine warme Mahlzeit.
Silvester in Lappland
Frisch gestärkt machten wir uns danach auf die Suche nach einer gemütlichen Bar. Wir stolperten durch ein paar Lokale, bis wir endlich eine fanden, die uns gefiel – und dazu noch einen Platz an einem großen Fenster! Perfekt, um die vorbeiziehenden Menschen draußen zu beobachten, eingemummelt in ihren Schichten aus Winterkleidung, während draußen zugleich auch (vermutlich) Einheimische in Strumpfhosen und dünnen Mänteln vorbeispazierten.
Dann bestellten wir einen Glühwein.
Erwartung: süß, warm, gemütlich.
Realität: scheußlich, extrem stark, vermutlich mit genug Schnaps, um uns aus der Bar zu katapultieren. Laut meiner Freundin hätte er uns komplett wegschießen sollen… doch seltsamerweise passierte – nichts.
Wir blickten uns an, lachten und beschlossen: Lappland, du bist frostig, verrückt und überraschend zugleich.
Der Tag war schon lang, aber unser Ziel stand fest: Silvester, Mitternachtsfeuerwerk, wir wollen es sehen! Also kämpften wir uns in der Bar gegen die Müdigkeit – meine Augen wollten schon freiwillig zufallen, während wir verzweifelt versuchten, wach zu bleiben. Fremde fragten uns, ob wir bei diversesten Spiele mitspielen wollen – anscheinend kann man in jeder Bar Spiele ausleihen oder bringt gleich seine eigenen mit – fanden wir sehr cool.
Gegen halb zwölf wickelten wir uns in noch mehr Kleidung, als wir ohnehin schon trugen – dick wie kleine, glückliche Winterkugeln und marschierten Richtung Fluss Kemijoki. Dort standen schon Tausende von Menschen. Wir drängten uns durch, die Hände hoch und nieder, die Füße wippend immer in Bewegung um nicht zu frieren. Zwischen Jugendlichen standen wir, die offenbar den Begriff „Winter“ nicht kannten: Rock und Strumpfhose – bei -27 Grad! Es blieb für uns die einzige Frage: Wie kann man das nur aushalten? Wie sehr müssen die frieren?

Dann kam endlich das ersehnte Feuerwerk. Kurz, hübsch und funkelnd, aber definitiv nichts Weltbewegendes – wir wünschten uns ein besseres Jahr 2026, freuten uns über die bunten Lichter und froren dabei wie zwei Eiswürfel in Bewegung. Kaum war der letzte Knall verklungen, marschierten wir zurück – wie alle anderen – direkt ins Bett.

Der eisige 1. Jänner-Marsch
Am nächsten Tag klingelte der Wecker gnadenlos früh und wir standen bald dick eingemummelt in unserer Wohnung wie zwei wandelnde Schneemänner, denn wir hatten bei einer Agentur einen Tagesausflug gebucht.
Die Realität traf uns kalt – im wahrsten Sinne des Wortes: Nach mehreren erfolglosen Versuchen, ein Uber zu bekommen, mussten wir einsehen, dass am 1. Jänner auch kein Bus fuhr.
Panik kurz? Vielleicht.
Die Aktivität des Tages hatten wir schon bezahlt, und wir wollten sie um jeden Preis machen. Also blieb nur eins: Raus in die Kälte, stapfen wie zwei tapfere Eskimos, rund 2,5 Kilometer – durch Schnee, Eis und arktische Temperaturen.
Wir marschierten los, ich versuchte mit meinem Handy verzweifelt immer wieder ein Uber zu finden, während meine Freundin parallel eine andere Taxi-App nutzte– Erfolg? Fehlanzeige.
Nach einem Kilometer reiner Fußschlacht erschien endlich ein Uber in der App. Und der Preis? Eine absolute Frechheit für die letzten 1,5 Kilometer und zugleich waren wir einfach nur froh, dass sich in dieser Eiseskälte ein Fahrer finden lies.
Huskypower, Rentiergeweih und Polarkreis
Bei unserer Agentur konnte man Winterkleidung ausleihen und fast alle Touristen machten genau das. Wir hingegen standen 10.000-mal vor der Entscheidung: „Brauchen wir das auch? Reicht unsere Kleidung dafür aus?“ – schließlich waren wir begeisterte Wintersportler und unsere Ausrüstung dürfte ja wohl nicht die schlechteste sein, oder? Skiunterwäsche, zwei Paar Socken, Pullover, Weste, Primaloftjacke, gefütterte Jogginghose, Skihose, zwei Handschuhe, Buff und die Skijacke – wir waren ja eigentlich ausgestattet wie zwei wandelnde Thermoskannen.

Mit einem Bus ging es etwa 20 Minuten raus aus Rovaniemi zu einer Husky- und Rentierfarm. Dort sollten wir wohl zum einzigen Mal in unserem Leben Schlittenfahrten mit Huskys und Rentieren erleben. Die Tiere waren so harmlos und lieb, dass wir sofort Herzchen in den Augen hatten – nur die Kälte wollte partout nicht mitspielen. Nach wenigen Minuten waren unsere Nasenhaare eingefroren, ohne Bewegung spürte man innerhalb Minuten Finger als auch Zehen nicht mehr - gemütlich wird sicherlich anders definiert.

Im kleinen Holzhaus saßen wir rund um ein offenes Feuer und dort lernten wir einiges über Rentiere. Unter anderem, dass ein Rentiergeweih bis zu 2 cm pro Tag wächst! Ja, richtig gelesen: Ein Rentier kann in einer Saison locker 50 bis 60 cm Geweih „nachschieben“, um im Winter wieder abzufallen. Verrückt, oder?

Nach diesem Highlight belohnten wir uns mit einer heißen Lachssuppe im Restaurant – flüssiges Gold in der arktischen Kälte.

Gestärkt ging es weiter ins Santa Claus Village – ein magisches Winterdorf mit knisternden Lichtern, vielen süßen Souvenirshops und dem berühmten Polarkreis, den wir natürlich überquerten. Die eigentliche Begegnung mit dem Weihnachtsmann ließen wir aus – irgendwie zu teuer, und wir hatten ja schon genug nordisches Abenteuer im Gepäck.
Zurück in Rovaniemi kochten wir uns anschließend gemütlich Nudeln in unserer warmen Unterkunft. Endlich Zeit, die kalten Finger zu wärmen, die Erfahrungen Revue passieren zu lassen und zu merken: Eine finnische Sauna zu haben ist ein großer Balsam für die Seele.
Winterwunderland Lappland
Am nächsten Morgen schliefen wir erst einmal aus, genossen ein gemütliches Frühstück und wurden gegen 11:00 von einem rosaroten Himmel überrascht – die Sonne schlich sich über Lappland, einfach wunderschön.
Beide merkten wir allerdings, dass wir ein leichtes Halskratzen hatten. Schuld daran? Wahrscheinlich die Mischung aus eiskalter Luft draußen und der trockenen Heizung drinnen. Ein paar Schluck Wasser später ging es aber wieder und wir fühlten uns startklar für unser Tagesabenteuer.
Wir fuhren mit dem Bus nach Rovaniemi und spazierten von dort zum Skigebiet. Unterwegs überquerten wir eine Brücke über den Fluss – und meine Haut im Gesicht fühlte sich an, als würde sie gleichzeitig brennen und picken...überhaupt gar kein schönes Gefühl. Willkommen bei -29 Grad!

Doch im geschützten Wald ließ sich die Kälte erstaunlich gut aushalten. Wir stiegen auf den Ounasvaara Observation Tower. Von dort oben bot sich ein atemberaubender Blick über die verschneiten Bäume – so still, so schön.

Aber wir waren auch glücklich, als wir endlich im Skigebiet angekommen sind. Dort gönnten wir uns eine kurze Aufwärmpause auf der Toilette (ja, auch das kann ein Highlight sein).

Auf dem Rückweg zur Wohnung überholten uns ständig Radfahrer, völlig unbeeindruckt von Eis und Schnee. Die Finnen sind wirklich verrückt, dachten wir nur und stapften weiter durch den winterlichen Wald. Zurück in der Unterkunft legten wir noch eine kurze Powernap-Pause ein – wir wussten, dass heute Abend die Polarlichter auf uns warteten.

Die Sonne war in Lappland sowieso ein Mysterium: Gerade einmal ungefähr drei Stunden war es hell, dann wurde es wieder dunkel. Umso magischer, wenn man die Dunkelheit als Bühne für Naturwunder nutzen kann. Nach einem guten Abendessen zogen wir uns noch einmal dick ein und fuhren mit einem Touribus hinaus aus Rovaniemi.
Dort, auf einem zugefrorenen See, wurden wir kurz belohnt: Die Polarlichter tanzten über uns! Unvorstellbar schön, mysteriös, magisch – und gleichzeitig so bitterkalt, dass wir Mühe hatten, es voll zu genießen. Nach ein paar Keksen und heißem Tee konnten wir die Magie ein bisschen spüren, bevor die Lichter wieder verschwanden. Gegen 22:00 Uhr fuhren wir zurück in unsere warme Unterkunft – mit roten Wangen, kalten Zehen und einem Herz voller Staunen.

Zwischen Husten, Geschichte und dem Santa Claus Express
Am nächsten Morgen holte uns die Realität ein: Meiner Freundin ging es deutlich schlechter. Der Husten war tief, hartnäckig und klang nach allem – nur nicht nach Urlaub. Zum Glück hatten wir Medikamente dabei. Also wurde erst einmal improvisiert, Tabletten verteilt, warm eingepackt und die Koffer gepackt, denn heute hieß es Abschied nehmen von unserer Unterkunft.
Mit einem Uber fuhren wir zum Arktikum, einem der bekanntesten Museen in Rovaniemi. Das Gebäude selbst ist schon beeindruckend – eine lange Glasgalerie, die sich wie ein Tunnel durch die arktische Landschaft zieht. Drinnen taucht man tief in die Geschichte Lapplands ein: Leben im hohen Norden, arktische Natur, Klimawandel, die Kultur der Samen. Spannend, lehrreich, ruhig. Nur eines hatte ich mir anders vorgestellt – warm. Irgendwie war es auch drinnen ziemlich frisch, fast so, als wollte uns die arktische Kälte einfach nicht loslassen.

Wir verbrachten gut drei Stunden im Arktikum und stärkten uns danach im Café mit einem typisch finnischen Buffet. Danach ging es weiter, Koffer im Schlepptau, Richtung Korundi. Überraschenderweise ließ sich das Kofferziehen im Schnee leichter bewältigen als gedacht – fast schon elegant, wenn man das so nennen darf.

Das Kunstmuseum erkundeten wir im Schnelldurchlauf, bevor es weiter zum Hauptbahnhof ging. Denn ein weiteres Highlight wartete bereits: Heute Abend würden wir mit dem Santa Claus Express nach Helsinki fahren.
Mit dem Santa Claus Express in den Schlaf
Unsere Kabine war sofort unser Highlight: gemütliche Stockbetten und – kaum zu glauben – eine eigene Toilette und sogar eine Dusche direkt im Abteil. So lässt sich Zugfahren definitiv aushalten. Fast pünktlich setzte sich der Santa Claus Express in Bewegung, nachdem der Zugführer noch eine gefühlt endlose finnische Durchsage gehalten hatte, die uns immer wieder ein Lächeln kostete, immerhin hört sich finnisch so an, als würde man im betrunkenen Zustand sprechen.

Bevor wir uns zurückzogen, fehlte noch eine Sache: heißes Wasser für die Wärmflasche. Also marschierten wir einmal quer durch den Zug bis zur Kantine. Dort dann die Überraschung: 1 € pro kleinem Becher heißes Wasser. Ich hatte ehrlich gesagt noch nie für heißes Wasser bezahlt – schon gar nicht für meine Wärmflasche –, aber in diesem Moment war es jeden Cent wert.
Zurück in der Kabine hieß es: Medikamente rein, Lichter aus. Unser Zustand verschlechterte sich leider weiter – meine Nase war komplett beleidigt, während der Husten meiner Freundin immer tiefer und unschöner klang. Trotzdem: Kaum lagen wir, umfing uns diese besondere Zugruhe. Das sanfte Ruckeln, das gleichmäßige Geräusch der Schienen – und plötzlich war ich weg.
Ich schlief überraschend gut und wurde erst vom Wecker wieder in die Realität geholt. Helsinki. Ein neues Kapitel, ein neuer Ort – auch wenn wir körperlich längst nicht mehr bei hundert Prozent waren.
Helsinki zwischen Schneematsch, Lachanfällen und Zukunftsvisionen
Der Weg vom Bahnhof – der übrigens wunderschön ist und allein schon einen Besuch wert wäre – zu unserem Hotel hatte es in sich. Der Schnee war komplett locker und weich, das Ziehen der Koffer dadurch eher ein Krafttraining als ein Spaziergang. Dazu schneite es weiter, es war kalt, und man merkte meiner Freundin immer deutlicher an, wie sehr sie der Husten und die letzten Tage geschlaucht hatten. Im Hotel angekommen, zog sie sich erst einmal komplett durchgeschwitzt um, während wir unsere Weckerl frühstückten, die wir am Vortag vorbereitet hatten. Klein, simpel, aber genau richtig.

Dann ging es los in die Stadt. Unser erster Stopp: der Esplanadi-Platz. Am Esplanadi-Platz eskalierte der Tag dann endgültig – und zwar auf die bestmögliche Art. Mitten im Gehen, mitten im Schnee, mitten im Helsinki-Flair verliert meine Freundin plötzlich ein Brillenglas. Einfach so. Klack. Weg.
Was dann folgte, war pures Chaos. Vor lauter Lachen musste meine Freundin so heftig husten, dass sie kaum noch Luft bekam, während mir gleichzeitig die Nase lief. Wir lachten so sehr, dass wir kaum Luft bekamen, irgendwo zwischen Verzweiflung und völliger Überforderung. Es muss unfassbar bekloppt ausgesehen haben: zwei erwachsene Frauen, eine hustend, eine schniefend, beide halb zusammengeklappt vor Lachen, während wir verzweifelt versuchten, ein durchsichtiges Brillenglas im weißen Schnee zu finden. Menschen gingen an uns vorbei, starrten uns an, gingen weiter – wahrscheinlich dachten sie, wir drehen gerade komplett durch oder fragten sich, auf welchen Trip wir denn unterwegs waren.
Und dann: Wir fanden es tatsächlich. Das Glas lag einfach da, unschuldig im Schnee, als wäre nichts gewesen. Erleichterung, Jubel, noch mehr Lachen. Erst viel später gestand mir meine Freundin dann ganz nebenbei, dass ihr dieses Glas schon öfter herausgefallen war – und dass man es einfach wieder in die Brille stecken kann. Davon wusste ich natürlich nichts. Für mich war das eine hochdramatische Rettungsaktion gewesen, inklusive emotionalem Ausnahmezustand und gefrorenem Schnupfen.
Rückblickend muss diese Szene einfach absurd ausgesehen haben. Aber genau solche Momente bleiben hängen: krank, müde, kalt – und trotzdem lachend, bis man keine Luft mehr bekommt.

Weiter ging es zum Kauppatori-Markt, der sich überraschend als Weihnachtsmarkt entpuppte. Lichter, Stände, Gerüche – trotz Kälte hatte der Platz etwas unglaublich Gemütliches.
Von dort aus spazierten wir zur Uspenski-Kathedrale, der größten orthodoxen Kirche Westeuropas. Mit ihren roten Ziegeln, den goldenen Kuppeln und der erhöhten Lage wirkt sie fast ein bisschen wie aus einem Märchen – ruhig, würdevoll und beeindruckend zugleich.

Danach führte uns der Weg zum Dom von Helsinki. Weiß, monumental, mit seinen breiten Stufen und der grünen Kuppel thront er über dem Senatsplatz. Wir schossen natürlich ein paar Fotos, bevor wir über die Einkaufsstraße wieder Richtung Hauptbahnhof schlenderten. Dort gönnten wir uns einen Tee, saßen am Fenster und beobachteten die Menschen draußen.

Anschließend besuchten wir die Kapelle des Schweigens. Kleiner als erwartet, aber genau deshalb besonders. Ein Ort, der seinem Namen gerecht wird – leise, reduziert, beruhigend.

Und dann kam unser absolutes Highlight: die Zentralbibliothek Oodi. Ein Gebäude, das eher nach Zukunft als nach Bibliothek aussieht. Offen, modern, lichtdurchflutet, mit Arbeitsplätzen, Werkstätten, Rückzugsorten und Blick auf die Stadt. Ehrlich gesagt: Dort würde ich sogar freiwillig lernen wollen. Mindblowing, durchdacht und einfach inspirierend.
Wir spazierten weiter am Finnischen Nationalmuseum vorbei in Richtung Temppeliaukio-Kirche, dieser berühmten Felsenkirche, die direkt in den Granit hineingebaut ist. Schon von außen unscheinbar, öffnet sich innen ein Raum aus rohem Stein, Licht und Stille – beeindruckend und beruhigend zugleich.

Nach kurzem Hin und Her beschlossen wir, unseren Weg noch zu verlängern und entlang der Promenade Richtung Sibelius-Denkmal zu gehen.
Das Denkmal selbst ist etwas ganz Besonderes: hunderte Stahlrohre, die wie eine abstrakte Orgel in den Himmel ragen – gewidmet dem finnischen Komponisten Jean Sibelius. Je nach Licht und Blickwinkel wirkt es anders, fast lebendig. Der Wind wehte durch die Röhren, und es fühlte sich an, als würde die Stadt selbst Musik atmen. Ein stiller, nachdenklicher Moment – einer von denen, die man nicht plant, aber nie vergisst.

Irgendwann war dann aber klar: Es reicht. Wir nahmen die Öffis zurück in die Innenstadt, machten noch kurz das Einkaufszentrum Forum unsicher – und dann ging nichts mehr. Meine Begleitung konnte einfach nicht mehr. Zurück im Hotel legte sie sich sofort hin und schlief den restlichen Tag praktisch durch. Kein Hunger, keine Energie, nur Husten.
Währenddessen begann ich zu inhalieren, denn durch meine Nase Luft zu holen wurde immer schwieriger. Schließlich legte auch ich mich hin, hörte sie immer wieder husten, wachte auf, und reichte Hustensaft. Sie fror – und schwitzte gleichzeitig. Die Nacht zog sich mit vielen kurzen Schlafphasen dahin. Nicht schön, nicht gemütlich – aber irgendwie auch ein stiller Moment von Zusammenhalt. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Spaziergang durch Helsinki bei strahlendem Himmel
Auch am nächsten Morgen ging es uns leider nicht wirklich besser. Meine Freundin legte sich nach dem Frühstück gleich wieder hin und schlief weiter, erschöpft vom Husten und den letzten Tagen. Ich selbst fühlte mich zwar auch etwas energieloser, aber Schlaf wollte einfach keiner mehr kommen. Also beschloss ich, alleine eine Runde spazieren zu gehen – etwas frische Luft, dachte ich mir, kann ja auch nicht schaden.
Draußen erwartete mich strahlend blauer Himmel und „nur“ –14 Grad, die sich im Vergleich zu Lappland fast schon wie Frühling anfühlten. Ich marschierte vom Hotel Richtung Hafen, genoss den Blick aufs Meer und die klare Luft, während ich gleichzeitig in einem konstanten Rhythmus Taschentücher verbrauchte. Eine sehr nordische Kombination aus Winteridylle und Schnupfennase.

Mein Weg führte mich weiter durch einen Park bis zum Zentralmarkt von Helsinki. Dort konnte man sich durch typisch finnische Spezialitäten schauen: Rentiersteak, unzählige Fischsorten, Räucherwaren in allen Varianten. Ich blieb stehen, schaute, staunte.

Was mir dabei besonders positiv auffiel: In ganz Helsinki gibt es immer wieder öffentliche Toiletten – und sie sind kostenlos! Ein kleines Detail, aber ein großes Plus. Da könnten sich wirklich einige andere Länder eine Scheibe abschneiden. Mit kalter Nase, klarer Luft in den Lungen und ein bisschen Ruhe im Kopf machte ich mich schließlich langsam wieder auf den Rückweg.
Kurzer Ausflug trotz Kranksein
Meine Freundin schrieb mir dann, dass sie doch auch einen kleinen Moment draußen genießen möchte – bei diesem perfekten Wetter konnte sie einfach nicht widerstehen. Also trafen wir uns später auf einen Tee wieder am Hauptbahnhof. Dort saßen wir, dampfender Becher in der Hand, und stellten fest: In diesem Urlaub waren wir einfach froh, wieder nach Hause zu können. Uns ging es einfach nicht gut.

Zusätzlich machte mir die Vorstellung vom Rückflug ordentlich Sorgen. Meine Nase war verstopft, die Ohren ständig zu – wie sollte ich da den Druckausgleich hinkriegen? Gedanken wie „Hoffentlich wird der Flug nicht zur Tortur“ und „Bitte nicht ohrenbetäubender Schmerz“ schwirrten ständig durch meinen Kopf. Ein bisschen Panik, ein bisschen Müdigkeit, ein bisschen Humor – genau so fühlte sich dieser letzte kleine Spaziergang in Helsinki an.
Abschied aus Finnland
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker frühmorgens um 5 Uhr. Unser Taxi sollte uns zum Flughafen bringen – und hier sei mal erwähnt: Taxifahren (oder Uberfahren) in Finnland ist ein eigenes Abenteuer. Entweder die Preise sind jenseits von gut und böse oder die Fahrer stornieren plötzlich einfach bereits zugesagte Fahrten.
Ich hatte ein Uber schon Tage zuvor geplant: Ein Taxi für 5 Uhr morgens reserviert, Fahrer und Kennzeichen bestätigt – nur um in der Nacht festzustellen, dass die Fahrt storniert wurde. Also musste ich kurzfristig einen neuen Uber organisieren, was natürlich noch einmal Zeit kostete. Ein typischer „Finnland am frühen Morgen“-Moment: ein bisschen panisch, ein bisschen chaotisch, aber am Ende irgendwie machbar.
Trotz allem kamen wir pünktlich am Helsinki Airport an. Helsinki selbst hatte uns sehr beeindruckt: eine moderne, lebendige Stadt, architektonisch spannend, mit tollen Cafés, Märkten und einer Mischung aus skandinavischem Minimalismus und urbanem Flair. Wir hätten gerne noch mehr gesehen, stundenlang durch die Straßen geschlendert, noch mehr Souvenirs entdeckt oder uns in die kleinen Buchläden und Museen vertieft – aber die Gesundheit und die Müdigkeit setzten uns klare Grenzen.
Unsere Flüge zurück nach Klagenfurt verliefen zwar gut, aber ich hatte die ganze Zeit über Probleme mit den Ohren: die verstopfte Nase machte den Druckausgleich unmöglich, und jedes Starten und Landen war ein kleines Abenteuer für sich – stechende Schmerzen, Poppen in den Ohren, kurzzeitiges Gefühl, die Ohren würden gleich platzen.
Aber das Wichtigste: wir waren wohlbehalten zu Hause gelandet, müde, erschöpft und voller Erinnerungen an eine verrückte, wunderschöne Lappland-Reise.

Und PS: Selbst zuhause erwarteten uns wieder Schnee und kalte Luft – wie passend! 😊
Fazit
Lappland hat uns nicht sanft empfangen. Es war kalt – oft brutaler, als wir es uns vorgestellt hatten. Es war chaotisch, manchmal anstrengend und zwischendurch haben wir uns ernsthaft gefragt, warum wir uns das eigentlich antun. Aber genau zwischen eingefrorenen Fingern, schlaflosen Nächten, Hustenanfällen, wartenden Gepäckbändern und dieser allgegenwärtigen Kälte sind Erinnerungen entstanden, die tiefer gehen als jedes perfekte Foto.
Wir haben gelernt, wie relativ Komfort ist, wie wertvoll Wärme wirklich sein kann – und dass Freundschaft in Daunenjacken, mit Humor und Geduld, selbst -29 Grad aushält. Wir haben Polarlichter gesehen, Tiere erlebt, Stille gespürt und Momente gesammelt, die man nicht kaufen kann. Nicht alles war leicht, nicht alles angenehm – aber alles war echt.
Würden wir Lappland wieder bereisen? Ja und nein.
Würden wir es genauso wieder machen? Wahrscheinlich nicht ganz.
Aber würden wir diese Reise missen wollen? Niemals.
Lappland hat uns gefordert, überrascht und geerdet. Und genau deshalb bleibt diese Reise nicht nur im Fotoalbum – sondern tief in uns. ❄️💙













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