Ich hab mein jüngeres Ich auf einen Kaffee getroffen.
- Levi Michi
- 20. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Feb.
Die Frage, wer wir früher waren und wer wir heute sind, beschäftigt viele von uns mehr, als wir es zugeben wollen. Viele von uns denken darüber nach, welche Ratschläge sie sich geben würden, welche Fehler sie sich ersparen könnten, welche Weisheiten sie aus den Jahren des Lebens schon gewonnen haben.
Es hat mich hart getroffen – dieses Nachdenken, dieses Spiel mit der Vergangenheit. Es trifft mich hart, denn ich selbst stelle mir gegenüber anderen zusätzlich die Frage: Welches jüngere Ich würde ich eigentlich gerne auf einen Kaffee treffen wollen? Die 18-Jährige, die ein happy-peppy Leben mit Christopher führte, die 26-Jährige die sich mit Michi nun endlich wieder im Leben angekommen fühlte oder die irgendwo zwischendrinnen, die versuchte sich zurück ins Leben zu kämpfen und zugleich trotz allem Freude in vielen Situationen erleben durfte...
Seit Michi gestorben ist, geht es mir so oder so immer wieder durch den Kopf, wie es wohl wäre, wenn ich mit meinem jüngeren Ich sprechen könnte. Was würde ich ihr sagen? Was könnte ich ihr raten, was ich selbst nicht bedacht habe? Es fühlt sich an wie das Durchblättern eines alten Fotoalbums, das plötzlich in Bewegung gerät und vor meinen Augen eine Geschichte erzählt, die ich immer noch nicht ganz begreifen kann.
Das Leben lässt uns keine Wiederholungen zu, keine Rückspultaste. Es gibt keinen Moment, in dem wir zurückgehen und alles anders machen können. Doch trotzdem stelle ich es mir irgendwie vor – das Gespräch mit meinem jüngeren Ich im Alter von 18:
Ich war pünktlich, aber als ich das Café betrat, war mein jüngeres Ich bereits da. Mein jüngeres Ich wartete da mit dem Handy in der Hand, in einer Mischung aus Neugier und Nervosität, die ich längst vergessen hatte.
Wir setzten uns und ich bestellte einen Cappuccino – die Gewohnheit, die erst vor ein paar Jahren zu meinem Ritual wurde, dank Michi. Mein jüngeres Ich bestellte keinen Kaffee. Damals hatte ich noch keinen Geschmack dafür.
Es war komisch. Mein jüngeres Ich sah mich an, als wäre ich eine Fremde. Ein stiller, prüfender Blick, der wie ein Spiegel vor mir stand. Und in gewisser Weise war ich für sie tatsächlich eine Fremde. Ich sah zwar nicht viel anders aus...nur älter und viel mehr von der Welt gezeichnet.
Ich hatte das Gefühl, mein jüngeres Ich würde fragen wollen: „Was ist mit uns passiert?“ Aber ich sagte nichts. Stattdessen saß mein jüngeres Ich einfach da, ruhig, mit diesem ernsten Ausdruck, der mir bekannt vorkam, und gleichzeitig so fern. Vielleicht wusste ich damals schon, dass manche Fragen keine Antworten haben. Vielleicht wollte ich nicht wissen, was die Jahre aus mir gemacht haben. Vielleicht fürchtete ich mich vor den Antworten, die ich mir geben könnte.
Ich saß da, vor meinem jüngeren Ich und obwohl ich so viel erzählen könnte, fragte ich sie: „Was hast du zu erzählen?“. Ich könnte von all den Jahren sprechen, von den Momenten, die uns verändert haben, von den Menschen, die uns geprägt haben, von all den Höhen und Tiefen, von all den unsichtbaren Narben, die uns geformt haben. Aber statt meiner eigenen Geschichte hörte ich ihr zu. Sie, die noch nicht weiß, was auf sie zukommen wird. Die noch den Traum vor sich hat, in den ersehnten Monaten der Unbeschwertheit zu leben.
Und sie erzählt. Ruhig, fast ein bisschen schüchtern, als müsste man ihr alles aus der Nase ziehen. Sie sprach von der Matura, die bald ansteht, von dem großen Moment, der so viele Türen öffnen wird. Sie erzählte von einem Traum, nach Graz zu gehen, zu studieren, sich eine Zukunft aufzubauen. Sie spricht von Christopher und ihrer Vorstellung, bald mit ihm in die bereits vorhandene gemeinsame Wohnung zu ziehen und zusammen die Welt zu erobern. Sie erzählte von einer Zukunft, die sich wie ein offenes, weit gespanntes Abenteuer anfühlt.
Das Leben, das vor ihr liegt, scheint wie eine gerade Straße, ohne große Steine, ohne Stolperfallen. Es ist die Zeit, in der der Weg noch klar und vielversprechend aussieht. Doch ich weiß, dass diese Straße sich irgendwann in einen gewundenen, steinigen Pfad verwandeln wird. Der Schmerz, der in der Zukunft auf sie wartet, der Verlust von zwei wundervollen Menschen, die ihr Leben erhellt haben. Aber ich sage diesbezüglich nichts.
Aber dann, in einem Moment der Stille, sagte ich ihr Folgendes:
Ich weiß, du versuchst jetzt schon, so gut wie möglich jeden Moment zu genießen! Aber genieß es wirklich, die wundervollen Momente, die du erlebst und die wunderschönen Menschen, die dich umgeben. Mach das, was dich glücklich macht - mach viel davon und noch einmal: genieß es, wirklich!
Es wird einen Moment geben, in dem du Widerstandsfähigkeit finden musst – eine Stärke, von der du nie gedacht hättest, dass du so viel von ihr brauchst. Und es wird leider nicht nur einmal sein. Du wirst lernen, unerträgliche Trauer in einer Hand zu tragen und trotz allem Freude in der anderen. Du wirst lernen, dass das Leben leider immer weitergeht, auch wenn es nicht so verläuft, wie du es geplant hast. Nicht so, wie du es dir ausgemalt hast, vor allem nicht in diesem Alter.
Ich wünsch dir und mir, dass wir Orte finden, die Heilung bringen, Menschen, die uns beistehen können, Momente, die uns neue Energie schenken, und Erlebnisse, die uns zeigen, dass das Leben trotz allem voller Schönheit und Wert sein kann!
Hab dich lieb!

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